Pressemeldung

Kunst statt Knast: Das wirkt

07.04.2010 - Von: Christine Å arac

Die Resozialisierung von jungen Straftätern kommt ganz von selbst, sagen die Pädagogen nach zehn Jahren. Seit einem Jahrzehnt arbeiten junge Schläger, Diebe und Junkies im Oberurseler Kunsttäter-Atelier kreativ ihre Strafe ab. Und das bringe sehr viel, sagt Initiator Andreas Hett.

Oberursel. &quote;Das ist doch wohl keine Strafe&quote; – diesen Satz haben der Sozialarbeiter und Kunsttherapeut Andreas Hett und die Bildhauerin Regina Planz in den vergangenen Jahren schon tausend Mal gehört. Dann verdrehen die beiden auch jedes Mal die Augen und fragen keck zurück: &quote;Wer sagt, dass man mit Toiletten Putzen aus einem Jugendlichen einen besseren Menschen macht?&quote;

Wer bei den beiden in der Bildhauerwerkstatt &quote;Kunsttäter&quote; landet, hat sicherlich Mist gebaut, aber auch die Chance, sich mit sich selbst und seinem Leben auseinanderzusetzen und im besten Falle einen neuen Weg einzuschlagen. Jetzt feiert das Projekt, das vom Kultur- und Sportförderverein Oberursel (KSfO) getragen wird, sein zehnjähriges Bestehen.


&quote;1999 kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass ich gern etwas auf die Beine stellen möchte, was zum Gemeinwohl beiträgt&quote;, erinnert sich Hett. &quote;Damals&quote;, so der heute 45-Jährige, &quote;kam mir spontan die Gallus-Werkstatt in Frankfurt in den Sinn, die ebenfalls mit Straffälligen arbeitet.&quote; Über einen Künstlerkollegen lernt er die Bildhauerin Regina Planz kennen und holt sie mit ins Boot. &quote;Dann habe ich ein drei Seiten langes Konzept erstellt und dem Amtsgericht in Frankfurt vorgelegt.&quote;

Auch Mädchen sind dabei
Von da an kam der Stein ins Rollen. Schon ein halbes Jahr später kamen die ersten Jugendlichen in die große Halle des Umspannwerkes, und alles begann. In den vergangenen zehn Jahren haben circa 320 Jugendliche am Projekt teilgenommen, davon neun Mädchen. Die Jugendlichen haben gemeinsam oder auch allein etwa 200 Kunstwerke geschaffen, von denen einige sogar ins Bad
Homburger Landratsamt oder auch ins hessische Sozialministerium nach Wiesbaden verkauft wurden. &quote;80 Prozent unserer Jugendlichen sind jedoch Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren&quote;, sagt Regina Planz. Vom Studenten bis zum Sonderschüler sei alles vertreten gewesen – und ebenso breitgefächert sei auch die Art der Delikte. &quote;Manche sind wegen Drogenmissbrauchs hier, andere
wegen Fahrens ohne Führerschein, aber auch schwerer Diebstahl und Körperverletzung kommen vor&quote;, so Hett. Doch die beiden fragen die Jugendlichen nie, was sie ausgefressen haben. &quote;Die meisten erzählen es uns irgendwann selbst, bei manchen erfahren wir es aber auch nie&quote;, sagt
Planz. &quote;Ich will keinem einen Stempel aufdrücken.&quote;

Überhaupt werden in der Werkstatt auf dem Gelände der Feldbergschule, in der die &quote;Kunsttäter&quote; seit 2006 untergebracht sind, nicht viele Worte gemacht, sondern in erster Linie gearbeitet. &quote;Die Jugendlichen sind hier gefordert, manchmal ist die Arbeit auch schwer&quote;, weiß Hett. Die jungen Leute lernen außerdem Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Beständigkeit. Gerade Letzteres ist für viele eine ganz neue Erfahrung. &quote;Viele haben die Schule abgebrochen, die Eltern sind vielleicht geschieden – auch da wieder ein Abbruch, diesmal in einer Beziehung. Hier lernen sie, durchzuhalten und eine Arbeit zu beenden; so können sie sich am Ende darüber freuen, etwas Bleibendes geschaffen zu haben&quote;, meint Hett. Da würden auch schon mal die Handys rausgeholt,
um den Schaffensprozess zu dokumentieren.

13 000 Euro pro Jahr

&quote;Die größten Erfolge sehen wir bei Jugendlichen, die mindestens 60 Arbeitsstunden ableisten müssen, also etwa zwei Monate bei uns bleiben&quote;, berichtet Hett. &quote;Trotzdem haben wir nicht den Anspruch, sie zu resozialisieren – das kommt von ganz allein.&quote; Der Kunsttherapeut ist nämlich davon überzeugt, dass der Mensch sich durch die Kunst zwangsläufig mit sich selbst und seinen
Problemen auseinandersetzt.

Am Ende steht bei vielen die Frage, was denn ihr Kunstwerk wert sein könnte – für Hett nichts anderes als die Frage nach dem eigenen Wert als Mensch. Tatsächlich tragen die verkauften Skulpturen dazu bei, das Projekt am Leben zu erhalten. Der KSfO als Träger investiert rund 13 000 Euro pro Jahr für die Arbeit von Andreas Hett und Regina Planz. Die Haltung der beiden Künstler ist, dass kein Jugendlicher, der zu ihnen kommt, wirklich verloren ist. Und das ist ohnehin unbezahlbar. Info: Schau und Diskussion.

Info: Schau und Diskussion

Das Projekt &quote;Bildhauerwerkstatt Kunsttäter&quote; feiert sein zehnjähriges Bestehen mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen. Den Auftakt bildet am Mittwoch, 9. Juni, eine Vernissage, die um 19 Uhr beginnt. Pünktlich zur Ausstellung erscheint auch ein Katalog, in dem auch 52 Objekte von Jugendlichen abgebildet sind, die in den vergangenen zehn Jahren an dem Projekt teilgenommen haben. &quote;Kunst statt Knast&quote; lautet der Titel der Podiumsdiskussion, die für Mittwoch, 16. Juni, geplant ist. Von 19.30 Uhr an diskutiert der Jugendkreisausschuss des Hochtaunuskreises mit Gästen über dieses Thema. Während der Finissage am Freitag, 25. Juni, werden von 11 Uhr an die Werke der &quote;Kunsttäter&quote; mit Hilfe eines professionellen Auktionators versteigert. Der Erlös soll dem Projekt zugutekommen. Alle drei Veranstaltungen finden in der Galerie des Landratsamtes in Bad Homburg statt. csc