Pressemeldung

Bei der ersten Kulturnacht sind starke Arme gefragt

22.11.2010 - Von: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bernhard Biener, Bad Homburg

Gut besucht: Die Bad Homburger nehmen die erste Kulturnacht sehr gut an.

Stühle schleppen in Bad Homburgs Museen und Bibliothek: Zu später Stunde herrscht Andrang. Der bescheidene Rahmen ist schnell gesprengt.

22. November 2010 

Manches gehört sich einfach nicht. In einer Kunstausstellung zu essen und zu trinken zum Beispiel. Oder Musik zu machen. Es sei denn, es ist Kulturnacht. Dann gibt es im Sinclairhaus der Altana-Kulturstiftung nicht nur Bilder des Expressionisten Christian Rohlfs zu sehen. Sondern Brezeln, ein Glas Wein oder Orangensaft. Und der Titel der Ausstellung, "Musik der Farben", bekommt mit dem Akkordeonspieler Alexander Bolger außer der übertragenen auch eine wörtliche Bedeutung. Dabei zeigt Bolger mit Präludien und Fugen von Johann Sebastian Bach nebenbei, dass es ein Akkordeonleben jenseits von Volksmusik und Tango gibt.

Betrieb ist auch in der Werkstatt des Sinclairhauses im Obergeschoss. Dort darf, wer will, Motive von Rohlfs per Kaltnadelradierung in Plexiglasscheiben ritzen und auf Papier drucken. Andreas Hett, der seit Jahren die Museumspädagogik des Hauses betreut, gibt die nötige Anleitung.

Enttäuschte Gesichter nur, wenn kein Platz mehr frei ist

Die Altana-Kulturstiftung bietet in den Ferien regelmäßig Kindern ein künstlerisches Erlebnis an, und man könnte sich an den Tischen gut kleine Nachwuchskünstler vorstellen. Dass es an diesem Samstag Erwachsene sind, liegt auch an der Uhrzeit. Es ist bald 21 Uhr. Normalerweise sind die Bad Homburger Museen und Ateliers da schon geschlossen. Doch für die erste Kulturnacht wollen sie bis Mitternacht ein Publikum anlocken, das es zu den üblichen Zeiten vielleicht nicht schafft – oder einfach einen Anreiz braucht, einmal das kulturelle Angebot vor der Haustür zu erkunden.

Zwar ist der Bad Homburger Rahmen schon wegen der Größe der Institutionen bescheidener als andere Museums- und Kulturnächte. Doch schon früh am Abend kann Kulturdezernentin Beate Fleige (Bürgerliste Bad Homburg) feststellen, dass dieser Rahmen fast gesprengt wird. Enttäuschte Gesichter gibt es im Stadtarchiv im Gotischen Haus höchstens, wenn für die Vorträge von Stadthistorikerin Gerta Walsh über Galgen, Gefängnisse und alte Kriminalfälle keine Plätze mehr frei sind.

Drei Attraktionen in nächster Nähe

Nicht weniger zufrieden als Fleige zeigt sich die Museumsleiterin des Gotischen Hauses, Ursula Grzechca-Mohr. Sie hatte von ihrer früheren Arbeit im Städel den Vorschlag zur Kulturnacht mitgebracht. Anfangs war die Unsicherheit der Beteiligten groß, denn Bad Homburg ist nicht Frankfurt. Am Samstagabend aber entwickelt sich das Herbeischleppen zusätzlicher Stühle schnell zur Hauptbeschäftigung der Kulturschaffenden. Zum Beispiel in der Volkshochschule. Dort weisen Fackeln den Weg zur "Dionysischen Nacht", bei der sich Klavierimprovisation, Lesung und Weinseminar zur Erwachsenenbildung der besonderen Art verknüpfen – das alles vor den Fotografien von Günther Scherf. Aber auch im Café Hölderlix der Stadtbibliothek besteht Erweiterungsbedarf, als das "Theater der Dämmerung" die Geschichte von Herrn Ribbeck als Schattenspiel erzählt. Die Zuschauer erleben, wie beweglich die Figuren sind und der Landadlige aus dem Havelland sogar als Schattenriss Birnen vom Baum pflücken kann.

Praktischerweise lassen sich mit Stadtbibliothek, Sinclairhaus und Landgräflichem Schloss, das nächtliche Führungen durch die Kaisergemächer anbietet, gleich drei Attraktionen in kurzer Distanz zu Fuß erreichen. Um zur Galerie Artlantis oder zum Gotischen Haus zu gelangen, gibt es einen Kulturnachtbus. Eigentlich sollte nur einer die Runde drehen, doch kurzfristig wurde ein zweiter Wagen organisiert.

Mehr Führungen

Vom mulmigen Gefühl, das einen manchmal im nächtlicher Nahverkehr beschleichen kann, ist darin nichts zu spüren: Das typische Kulturnachtpublikum besteht aus häufig älteren Paaren, die sich rege über das eben Erlebte austauschen – und niemals lautstark pöbeln oder die Füße auf die Sitze legen würden. Abenteuerlich wird es nur direkt vor dem Kunstverein am Tannenwaldweg, wo parkende Autos die Straße zum Engpass machen. Drinnen wird die Galerie dank der Livemusik des Quartetts "Groovin' 4you" zum Jazzclub, der zum längeren Aufenthalt verleitet.

Noch ein Stück weiter den Tannenwaldweg entlang künden auch am Gotischen Haus flackernde Laternen von der außergewöhnlichen Öffnungszeit. Schnell zeigt sich, dass der Rhythmus für die stündlich geplanten Führungen durch die Ausstellung über Kindheit in der Kaiserzeit deutlich verkürzt und die vorbereiteten Häppchen durch Schmalzbrote ergänzt werden müssen.

Oben im Stadtarchiv sind auch noch beim letzten Vortrag des Abends um 22.30 Uhr alle Stühle besetzt. Klaus-Dieter Metz berichtet vom 1955 erschienenen Skandalroman "In Sachen Mensch", in dem sich viele Bad Homburger Persönlichkeiten kaum verschlüsselt wiederfanden und deshalb gegen die Autorin Ursula Rütt, Frau des damaligen Kripochefs, klagten. Es gebe im Stadtarchiv ein Buchexemplar, in dem handschriftlich die mit den Romanfiguren gemeinten Personen eingetragen seien, verrät Metz. Auch eine Methode, die Besucher für die Archivarbeit zu interessieren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Florian Manz