Pressemeldung

Der Schlangendrache stirbt

09.11.2011 - Von: Jürgen Streicher, Frankfurter Rundschau

Pilzerkrankung zerfrisst Basis einer Holzskulptur der "Kunsttäter" im Camp-King-Park

Sein freundlicher Blick über den Park Richtung Grundschule und Waldorfschule täuscht. Der Schlangendrache ist echt angefressen. An seinem Fuß vor allem fault das Holz. Auch der Schwanz ist mürbe, zerbröselt langsam, irgendjemand hat schon versucht, die Risse zu kitten. Die dicken Holzscheiben zum Sitzen zu seinen Füßen zerfallen ebenfalls – der Schlangendrache stirbt.

Die mächtige Skulptur im Camp-King-Park, geformt aus den Stummeln zweier einst in den Himmel ragenden Pappeln, ist beliebt bei den Kindern im noch jungen Wohnquartier. Als begehbare, erlebbare Kunst, auf der man sogar klettern kann. Der Drache ist Treffpunkt für Jugendliche; auch die ihn geschaffen haben, treffen sich hier, weil es für sie eine ganz besondere Arbeit war. Im Sommer 2006 haben 17 Jugendliche am großen Werk mitgehämmert und gesägt, es war die erste öffentliche Arbeit der "Kunsttäter" – ein Jugendkulturprojekt mit straffällig gewordenen Jugendlichen. Vom jugendlichen Straftäter zum Künstler, das war die Intention.

Kunst statt Knast

Das "Kunsttäter"-Projekt geht auf eine Initiative des Oberurseler Diplom-Sozialarbeiters und Kunsttherapeuten Andreas Hett zurück. Seit Öffnung der Werkstatt im Sommer 2000 betreut er es mit der Bildhauerin Regina Planz.
An drei Nachmittagen in der Woche arbeiten die Künstler mit straffällig gewordenen Jugendlichen, die in der Werkstatt vom Jugendgericht auferlegte Arbeitsstunden ableisten. Der Kultur-
und Sportförderverein Oberursel (KSfO) ist Träger des Projekts und finanziert
es auch hauptsächlich.
Als Erfolgsmodell gilt die Werkstatt, die als Experiment in der Haupthalle des ehemaligen Umspannwerks am Zimmersmühlenweg startete. Die Idee wurde von der Jugendgerichtshilfe des Hochtaunuskreises, vom Amtsgericht und auch von der Bewährungshilfe beim Landgericht Frankfurt positiv aufgenommen. Viele Förderer unterstützen das Projekt; der KSfO war 2010 mit rund 13000 Euro pro Jahr dabei.

Er ist nicht alt geworden, der Schlangendrache. Das Holz ist grau und blass geworden, kein Leben mehr. Das war abzusehen. Den alten Pappeln ist das neue Leben im Wohngebiet Camp King nicht bekommen; als der Park fertig angelegt war, steckten nur noch ihre Wurzeln in der Erde. Und eben die etwa drei Meter hohen Stammreste. Als "lebende Skulptur" sollten sie zu einem Kunstwerk werden. Nicht für die Ewigkeit, das hatte der Kunsttherapeut und Initiator des Projekts, Andreas Hett, schon damals betont. Bei der "Einweihung" im September 2006.

Die erste Generation Kinder im Camp King ist mit dem Schlangendrachen oder Lindwurm, wie er auch genannt wird, aufgewachsen. Nun muss er leider gefällt werden, eine Pilzerkrankung zerfrisst die Baumstämme.

Auch aus Gründen der Sicherheit muss das Werk aufgegeben werden. Die schönen Novembertage darf der Drache noch erleben, doch Ende November soll er dann gefällt werden, kündigt Andreas Hett an.

Zumindest der Kopf des Urviechs soll gerettet und in der Kunsttäter-Werkstatt in einer früheren Maschinenhalle der Feldbergschule konserviert werden. Damit er weiter auf Ausstellungen der wechselnden Künstlergruppe präsentiert werden kann.

Etwa im Mai 2012 soll das der Fall sein, denn dann stellen die Kunsttäter ihre Werke im Haus am Dom, also mitten im großen Frankfurt, aus.