Pressemeldung

Einblick in die Welt Kranker

17.05.2011 - Von: Wiesbadener Kurier von Ingeborg Toth

THERAPIE Ausstellung zeigt Werke von Menschen mit Demenz / Farbe und Form als befreiende Möglichkeit zur Äußerung

Das Thema "Demenz" war lange tabu. Nun wird über die Erkrankung öffentlich gesprochen. Kranke allerdings verlieren mehr und mehr die Fähigkeit, sich verbal zu äußern. Malen und zeichnen kann für sie eine Brücke darstellen, eine Möglichkeit, sich weiterhin mitzuteilen und ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Am Sonntag wurde im Hochheimer Rathaus eine bemerkenswerte Kunstausstellung eröffnet. Unter dem Titel "Einblicke" werden Arbeiten demenzkranker Menschen ausgestellt, die unter der Anleitung des Kunsttherapeuten Andreas Hett in Pflegeheimen der Region entstanden sind. Die Ausstellung ist Teil des von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten Projektes "Für eine Zukunft mit Demenz - Hochheim wird demenzfreundliche Kommune."

Hett hat Bilder gesammelt, die die Angehörigen von Demenzkranken nicht haben wollten: "Ich kann sie nicht wegwerfen, weil ich die Geschichten kenne, die damit verbunden sind." Darunter ist ein in Aquarellfarben gezeichneter Kopf, der sich dynamisch zur Seite zu drehen scheint. Ein Werk von Günter S., einst Chauffeur des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Sein Fahrer lebte sein Leben lang in der Furcht vor den Blicken des Mannes, der 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte.

Hett bringt Buntstifte, Pastellkreiden und Kästen mit Wasserfarben in die Heime. Manchmal setzt er einen Punkt mitten auf das Papier. Behutsam begleitet er die Schaffensprozesse, zu denen er eine Initialzündung gibt. Mit Hilfe von Farben und Formen gelinge es, Erinnerungen wach zu rufen, sagt der Therapeut. Er hält es für falsch, Demenz nur als "etwas Defizitäres zu sehen".

Freiheit erleben

Der Kranke erlebe auch "eine Freiheit, wie wir sie verloren haben". Auch die Freiheit, etwas Neues auszuprobieren. Darauf richtet der Therapeut sein Augenmerk. Er erlebt, dass sehr oft eine Erinnerungswelt geschaffen wird, die die Betroffenen verloren glaubten. Hett zitiert den Altersforscher Norberto Bobbio, der gesagt hat: "Du bist, woran Du Dich erinnerst."

Seine Arbeit sieht Hett als individuelle Ressourcenförderung. Schon als Zivildienstleistender habe er erlebt, wie sehr Pflegekräfte überfordert sind. "Man hat keine Zeit mehr - nicht mal für ein Gespräch." Hett stellt Gruppen bis zu acht Personen zusammen, die versuchen, ihre schöpferischen Kräfte wachzurufen. In einer der Gruppen war eine Frau, die sieben Kinder großgezogen hat. Sie erinnerte sich, wie viel Spaß es gemacht hat, mit den Kindern und Enkelkindern zu malen. Die Kunsttherapie gibt gerade denen, die sich vom Heimaufenthalt unterfordert fühlen, eine neue Aufgabe und - in gewisser Weise - auch mehr Autonomie, glaubt Hett. Die Ausstellung will auf jeden Fall einen Blickwechsel beim Betrachter herbeiführen, will ein "demenzfreundliches" Hochheim verwirklichen helfen. "Der allerwichtigste Faktor ist Zwischenmenschlichkeit", so die Hochheimer Bürgermeisterin Angelika Munck.

Im Rahmen des Projektes "Für eine Zukunft mit Demenz" werden Kurse angeboten, die im richtigen Umgang mit Betroffenen schulen. Wer sich über die geplanten Aktionen informieren möchte, kann sich an Rita Kranz vom Magistrat der Stadt Hochheim wenden, Telefon 06146 / 900158, oder an Manfred Schnabel vom Caritasverband Main-Taunus, Rufnummer 06192 / 293434, wenden.

Die Bilder sind bis 30. Juni im Foyer des Rathauses an der Burgeffstraße 30 zu sehen.