Pressemeldung

Helfen mit Kunst

07.12.2015 - Von: Jürgen Streicher, Frankfurter Rundschau

Der Künstler, Therapeut und Sozialarbeiter Andreas Hett in seinem Atelier. Foto: Renate Hoyer

Der Therapeut Andreas Hett hat sich mit seiner Bildhauerwerkstatt „Kunsttäter“ einen Namen gemacht

Schweden ist ein zweites Zuhause geworden. Ein kleines Dorf, ein kleines Haus, ein kleiner See in der Nähe. Und Raum und Zeit für die eigene Kunst. Für Bilder, Musik, Film, Lichtkunst – für all das, was immer wieder raus muss aus der Künstlerseele. „Ich bin ein Arbeitstier“, sagt Andreas Hett von sich selbst, sieht sich als „rastlosen Typen“. Die vielen Projekte, in denen er engagiert ist, fordern zeitlichen Tribut. Immerhin, sieben Wochen hat er in diesem Jahr freigeschaufelt für Schweden und seine Kreativität.

Vor der Kunst war der Sport. Triathlon – Schwimmen, Radfahren, Laufen bis zum Abwinken. Bis der Körper müde war und der Geist Ruhe gab. Sport als Kompensation für alles Aufrührende im Inneren. Die Seele aber hatte auch im Erschöpfungszustand keine Ruhe. Andreas Hett belegte Zeichenkurse. Eine neue Welt tat sich auf, eine erste Ausstellung folgte bald.

Der Blick des gelernten Chemielaboranten auf die Welt änderte sich. Hett schrieb sich an der Fachhochschule Frankfurt ein, zwei Semester Verfahrenstechnik sind nur ein Übergang. Viel wichtiger: Am ersten Tag dort lernte er seine Frau kennen, über 20 Jahre leben sie nun zusammen. Die erste Berührung mit der Sozialarbeit wies ihm den Weg. „Da will ich hin“, es war ihm sofort klar.

Parallel begann Hett eine kunsttherapeutische Ausbildung, klientenzentrierte Kunsttherapie nach Carl Rogers. Der amerikanische Psychotherapeut betont die Einzigartigkeit des Individuums. Der Ansatz passte.

Aus dem rastlos Suchenden wird Mitte der 90er Jahre der Sozialarbeiter und Kunsttherapeut. Mit dem Aufbau eines Projektes zur Wiedereingliederung junger Sozialhilfeempfänger in den ersten Arbeitsmarkt macht sich Hett einen Namen. Und startet mit Ende der Ausbildung als selbstständiger Kunsttherapeut durch. Mit Projekten in der Jugend- und Altenpflege im gesamten Rhein-Main-Gebiet, mit jungen Graffitisprayern und alten, demenziell erkrankten Menschen.

Einen „Tausendsassa“ hat Bürgermeister Hans-Georg Brum Hett mal flapsig genannt, als der schnell noch einen Pokal für Ausdauersportler kreiert hat und nebenbei auch an der Organisation der Veranstaltung beteiligt war.

Arbeitstier trifft es eher, denn Hett ist nicht nur in der Praxis unterwegs. Universitäten und Fachschulen haben ihn als Lehrbeauftragten verpflichtet. Seit 13 Jahren bietet Hett im Sinclair-Haus Bad Homburg „Kunstbegegnungen“ für Erwachsene an, in Wehrheim hat er mit dem Diakonischen Werk ein offenes Atelier für Menschen mit seelischer Erkrankung aufgebaut.

In Fachkreisen bundesweit bekannt ist Hett durch das Projekt „Kunsttäter“. Was im Jahr 2000 auf seine Initiative als Jugendkulturprojekt „Bildhauerwerkstatt altes Umspannwerk Oberursel“ begonnen hat, ist in 15 Jahren zum Vorzeigevorhaben geworden. Die Werkstatt der „Kunsttäter“ ist für die Jugendgerichtshilfe ein unverzichtbarer Teil Justiz naher Arbeit. Statt etwa in Altersheimen arbeiten straffällig gewordene Jugendliche ihre aufgebrummten Stunden in der Kunstwerkstatt ab. Hier schaffen sie nach eigenen Ideen Kunstwerke aus Stahl, Holz und Stein.

Hett hat das Projekt von Anfang an begleitet, heute sind die Kunsttäter ein Verein, der unabhängig arbeiten kann. Die Liste der (finanziell und ideellen) Unterstützer zeigt die Wertschätzung des Projekts. Das Land Hessen ist darunter, Stiftungen und viele private Sponsoren.

Zum Stadtbild Oberursels gehören die Werke der „Kunsttäter“ längst, jüngstes Projekt ist die GEO-Nadel auf dem Bahnhofsvorplatz. Ausstellungen in der Englischen Kirche und im Amtsgericht Bad Homburg sowie im Frankfurter Haus am Dom sind Auszeichnung für die Kunsttäter.

Hett freut das, er sieht seine Idee in ständiger Weiterentwicklung. Und sich selbst? „Wieder mehr zu mir, mehr eigene Kunst“, das wäre sein Wunsch fürs neue Jahr. An einem Film über ein Projekt mit Konfirmanden und Dementen arbeitet der 51-Jährige. Partner ist ein junger ambitionierter Filmemacher, der es bereits zum Art Director bei Samsung gebracht hat. Die Kunst und Hett hatten ihn vor Jahren zurück auf die gerade Bahn gebracht.