Pressemeldung

Kunsttäter im Landratsamt

12.06.2010 -

Wenn Straftäter Künstler werden, entstehen "Schlangendrachen" und "Verdrehte. Die &quote;Bildhauerwerkstatt Kunsttäter&quote; macht aus jungen Straffälligen engagierte Künstler. Jetzt sind beeindruckende Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren in der Taunus-Galerie im Landratsamt zu sehen.

Von Martina Dreisbach

Die &quote;Bildhauerwerkstatt Kunsttäter&quote; macht aus jungen Straffälligen engagierte Künstler. Jetzt sind beeindruckende Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren in der Taunus-Galerie im Landratsamt zu sehen.

Bad Homburg. Der Mund eine Fahrradkette, der Körper Speerspitzen, kuscheln ist dankend verbeten. Der &quote;Kopf 2001&quote; aus Sandstein hat schwerwiegende Brauen, unter denen die Augen versetzt liegen. Der &quote;Kopf 2008&quote; aus Speckstein wirkt wie ein verhärmter alter Mann. Die Ordnung ist außer Kraft, denn der &quote;Fisch 2007&quote; hat ein Bein und gründelt mit seinem mächtigen Leib. Der &quote;Tausendfüßler&quote; läuft auf Beinchen aus verschiedenstem Material.

Die Ausbeute bei der Ausstellung &quote;Kunsttäter in der Bildhauerwerkstatt 2000 bis 2010&quote; in der Taunus-Galerie ist beeindruckend.

Schnitzen statt sitzen

Die Arbeiten der 14- bis 20-Jährigen zeigen nicht wenig von ihrem Innenleben. Sie zeigen vor allem, dass ihr äußeres Leben nicht in den gewünschten Bahnen verlaufen ist. Sie beweisen aber auch, dass der Paradigmenwechsel möglich ist. &quote;Kunsttäter&quote; ist eine Wortschöpfung, die den Wandel vom Straftäter zum Künstler aufgreift.

&quote;Nicht schwitzen, sondern schnitzen statt sitzen&quote;, formuliert der Erste Kreisbeigeordnete Dr. Wolfgang Müsse (FDP) das saloppe Motto, nach dem junge straffällig gewordene Menschen sinnvolle Arbeit leisten sollen, anstatt eine Freiheitsstrafe zu verbüßen. Müsses Anspielung bezieht sich auf Holzskulpturen wie &quote;Schlangendrache&quote; oder &quote;Der Verdrehte&quote;, die bei der Eröffnung der Ausstellung am Mittwochabend zu sehen sind.

In der im Jahr 2000 auf Initiative des Diplom-Sozialarbeiters und Kunsttherapeuten Andreas Hett vom Kultur- und Sportförderverein (KFO) ins Leben gerufenen &quote;Bildhauerwerkstatt Kunsttäter&quote; lernen sie, sich über das Genre der Kunst auszudrücken. 320 jungen Leuten stehen 200 Werke gegenüber, denn viele der Arbeiten sind Gemeinschaftsarbeiten.

Professor Dr. Karl Eberhard Nölke von der Hochschule Darmstadt sagt: &quote;Gemeinhin entsteht Kunst in einem selbstbestimmten Raum, fühlen sich Künstler berufen von einem selbst auferlegten Zwang. Hier wird Kunst gewissermaßen gerichtlich verordnet; Kunst lässt sich aber nicht zwingen. Andreas Hett und der Bildhauerin Regina Planz gelingt es, den Jugendlichen mit der Umsetzung ihrer Ideen zu helfen.&quote; Bei der Beschäftigung mit Kunst könnten sich Jugendliche am Material abarbeiten, die einzige Einschränkung sei das Material. &quote;Sie erleben die Welt als etwas zu Erkundendes und Gestaltendes. Sie bringen zum Ausdruck, was vorher mit ihnen los war&quote;, so Nölke weiter. KFO-Vorsitzender Bernd Lienhard spricht von einem Traum, der in Erfüllung gegangen sei: &quote;Das Projekt ist so wichtig, weil es vielen etwas bringt. Jeder, der nicht wieder straffällig wird, ist ein Gewinn für die Gesellschaft.&quote;

Abschluss mit Auktion

Die Ausstellung endet mit einer Auktion am 25. Juni um elf Uhr. Bei dieser Versteigerung der Kunstwerke während der Finissage können die Arbeiten erworben werden. Der Erlös kommt der Arbeit der &quote;Kunsttäter&quote; zugute. Am 16. Juni, 20 Uhr, geht es in einer Gesprächsrunde um die Frage &quote;Kunst als Strafe?&quote;. Die Antwort darauf gibt ein junger Künstler in einem Video über das Projekt: &quote;Ich hab’ so viel gelernt, da hätt’ ich nie gedacht, dass ich so was kann.&quote;

Die Ausstellung in der Taunus-Galerie im Haus 1 des Landratsamts, Ludwig-Erhard-Anlage 1-5, läuft bis zum 25. Juni und ist montags bis mittwochs von 7 bis 16 Uhr, donnerstags von 7 bis 17 Uhr und freitags von 7 bis 12.30 Uhr geöffnet. Telefonischer Kontakt unter der Nummer (0 61 72) 999 46 14.