Pressemeldung

Spielen, um nicht zu vergessen

03.09.2016 - Von: Carla Marconi, Taunuszeitung

Vom Turm der Christuskirche flogen im Sommer vorigen Jahres die Papierschnipsel - ein Symbol für das Verschwinden der Erinnerungen. Foto: Priedemuth

Szenen eines Kunstprojektes von Jugendlichen und demenziell erkrankten Senioren hat Andreas Hett in einem Film dokumentiert. Premiere war am Donnerstagabend in der bluebox portstrasse. Ein besonderer Moment des Wiedersehens.

Oberursel. Gebannt schaut Elisabeth Fleischmann auf die Leinwand und verfolgt das Geschehen. Ab und  zu macht sie ihrem Erstaunen Luft und ruft: „Oh, wie schön!" Die 73-Jährige ist nicht nur eine von rund 60 Besuchern, die die Premiere des Filmes  „Wir spielen, damit wir nichts vergessen!"  verfolgen. Sie ist auch eine der Protagonisten.

Denn die Hauptdarsteller des 35-minütigen Streifens, der ein Kunstprojekt von Jugendlichen und demenziell erkrankten Senioren dokumentiert, sind acht ältere Damen sowie sechs Schüler im Alter von 14 bis Jahren. Sie hatten sich im vergangenen Jahr regelmäßig mit Kunsttherapeut  Andreas Hett im Haus Emmaus getroffen, um gemeinsam zu malen oder zu basteln (TZ berichtete). Anschließend wurden die entstandenen Bilder zerschnitten, in kleine Papierobjekte umgewandelt, die zum Schluss vom Turm der Christuskirche durch die Luft wir vom Turm der Christuskirche flogen im Sommer vorigen  Jahres die Papierschnipsel - ein Symbol für das Verschwinden der Erinnerungen gelten.

Finanziert wurde diese künstlerische Begegnung mit Mitteln aus dem Programm „Lokale Allianz für Menschen mit Demenz" vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Diese einzelnen Stationen des Projekts hatte Andreas Hett  filmisch festgehalten – es kommen außer dem Künstler einige Seniorinnen und auch die teilnehmenden Jugendlichen zu Wort. Letztere berichten von den positiven Erfahrungen, staunen über die Geduld und die Ausdauer der Haus-Emmaus-Bewohnerinnen, sind von ihrer Konzentration fasziniert. Und auch die Seniorinnen freuen sich über die Jugendlichen, in denen ,,noch so viel Leben steckt", wie eine ältere Dame bemerkt. Die Zuschauer sehen, wie alle konzentriert arbeiten, erhalten auch Einblicke in das Leben einiger Seniorinnen, sie begleiten das Entstehen der Bilder sowie ihre ,,Zerstörung".

Alles vergeht

„Wir haben den Geist davonfliegen lassen", erklärt Andreas Hett am Donnerstag bei der Premiere in der ,,bluebox portstrasse“. Die Papierstücke flogen davon – symbolisch wie bei einer Demenz, wenn langsam die Erinnerungen verschwinden.  Zudem sollten sie für die Endlichkeit des Lebens  stehen. ,,Man hat einiges vergessen, durch diesen Film erlebt man das Ganze ein zweites Mal", erzählte der 18-iährige Justin Ruthe, der an dem Projekt teilgenommen hat. Was er davon für sein Leben mit nimmt? ,,Man sollte alte Menschen auf keinen Fall abstempeln, denn sie stecken noch voller Leben", sagt er. Diese Lebendigkeit, der Spaß am gemeinsamen Arbeiten, das friedliche Miteinander wird auch in der Dokumentation sichtbar. Nahaufnahmen wechseln sich mitstimmungsvollen Bildern ab, die von einer ruhigen Musik untermalt werden. Der Film berührt und regt zum Nachdenken an.

Letzteres war auch Anliegen des Kunsttherapeuten Andreas Hett, der ein Jahr lang an dem Film gearbeitet hat und diesen weitgehend aus eigenen Geldern und mit Unterstützung von Sponsoren finanziert hat. ,,Er soll Anklang finden und Diskussionen anstoßen“. Gezeigt werde er am 21. September in Hofheim zum Weltalzheimertag sowie im Kino Metropolis in Frankfurt am 13. Oktober.

Und was sagt Elisabeth Fleischmann zum Film? „Alles daran gefällt mir sehr gut. Endlich konnte ich sehen, was damals passiert ist. Denn als die Papiere vom Kirchturm geflogen sind, konnte ich das gar nicht so richtig erfassen", meint sie.  Das sei nun besser, freut sie sich und deutet auf die DVD des Filmes, die sie in den Händen hält.

Weitere Infos  zum Film gibt es auf www.ahett-kunsttherapie.de.