Pressemeldung

Wirbel mit Wasser, Wind und Sonne

19.06.2017 - Von: Jürgen Streicher, Frankfurter Rundschau

Oberursel „Kunsttäter“ bauen kinetische Kunst an der Krebsmühle

Donnergrollen, Windgetöse und prasselnder Regen im Hintergrund begleiten die Premiere. Kurz bevor Milan den Knopf drücken darf, der das Kunstwerk in Bewegung setzt. Donner, Wind und Regen bringt Andreas Hett am Computer in die friedliche Nachmittagsatmosphäre, in Zukunft werden Sonne, Luftbewegungen und Wasser das „EMobile“ antreiben. Wenn die Elemente bereit sind, die Kunst zu unterstützen. Damit die bunten Windräder sirren, das Wasserrad stampft und das Solarpanel den Strom liefern kann, der zum Antreiben der Wasserpumpe benötigt wird.

Im oberen Hof der Krebsmühle an der Landstraße zwischen Oberursel und dem Norden Frankfurts leuchtet das vier Meter hohe kinetische Kunstwerk weit sichtbar. Von der Straße und auch aus der vorbeifahrenden U3 kann man es sehen.

Und vielleicht freuen sich Jungs wie Milan, wenn sie dann und wann mit Kumpels und Freundinnen vorbeikommen, über das, was sie da geschaffen haben. Und spüren ein bisschen Stolz, dabei gewesen zu sein bei der Entstehung des EMobiles. Milan, der als einziger „Kunsttäter“ gekommen ist, um mit den beiden Künstlern Andreas Hett und Regina Planz und vielen Gästen die Einweihung ihres bisher größten Kunstwerks zu feiern.

Zum Stadtbild Oberursels gehören die Werke der „Kunsttäter“ längst, die Werkstatt ist für die Jugendgerichtshilfe ein unverzichtbarer Teil justiznaher Arbeit. Statt etwa in Altersheimen arbeiten straffällig gewordene Jugendliche ihre aufgebrummten Stunden in der Kunstwerkstatt ab. Hier schaffen sie nach eigenen Ideen Kunstwerke aus Stahl, Holz und Stein und sich selbst ein gestiegenes Selbstwertgefühl. Die Liste der Unterstützer zeigt die Wertschätzung des Projekts, bei der Einweihung des EMobiles sieht man Sozialdezernenten von Stadt und Kreis, ein Vertreter von
Hessens Justizministerin überreicht einen Scheck im Wert von 5000 Euro. Für das 100 000-Euro-Kunstwerk EMobile haben sich der Kunsttäter-Verein und der Verein Hilfe zur Selbsthilfe gefunden, der die kleinteilig organisierte
Krebsmühle mit ihren vielen alternativen und ökologischen Projekten betreibt. Und ein „historisch einmaliges Werk“ geschaffen, so Krebsmühlen-Chef Diethelm Damm. Mit der Idee der nachhaltigen Verwertung natürlicher Energien passt es perfekt zur Philosophie der Krebsmühlen-Protagonisten. Und mit dem Mühlrad im Mittelpunkt der
Großplastik ist es auch eine schöne Referenz an die einstige Getreidemühle. „Fast ein Perpetuum mobile“, lobt Oberursels Sozialdezernent Christof Fink (Grüne), „das erste gefeierte Windrad ohne Gegendemo“, freut sich die
Kreisbeigeordnete Kathrin Hechler (SPD).

Fast vier Jahre gingen seit dem ersten Modellentwurf von Andreas Hett ins Land, bis am Samstag der erste Wasserstrahl aus den gebogenen Stahlrohren des EMobiles aufs Wasserrad schoss. Die sechs Meter langen Rohre haben die starken Jungs unter den etwa 40 beteiligten Kunsttätern passend gebogen, das Wasserrad wurde eigenhändig verschweißt, spezielle Kugellager eingebaut, damit sich alles schön drehen und bewegen kann.

Und dann die Feinarbeit über dem eigens in den Hügel gebauten Wasserpumpenkeller. Drei mal vier Meter groß das Umfassungsbecken für das aufgefangene Wasser, darin ein zweites geschwungenes Becken, das einen „aufplatschenden Wassertropfen“, so Regina Planz, symbolisieren soll.

Zehntausende Mosaiksteine aus Murano-Glas haben die Jungs und Mädchen aus der Werkstatt unter ihrer Regie geklebt, „mit Blut und Wasser“, wie die Künstlerin versichert. Zehntausende bunte Steine in den Farben von Wind,
Sonne und Regen, Himmel und Erde, die ein kleines Stück Welt an der Krebsmühle bei passendem Wetter wunderbar leuchten lassen.